Schweinsbraten in der Toskana

Schweinsbraten in der Toskana

Aug 06, 2026Björn Kroner

Liebe Freunde,
 
hier kommt sie nun, die versprochene „Postkarte“ aus dem Urlaub. Eigentlich unglaublich, die Hälfte unseres Urlaubs ist schon wieder rum. Andererseits, über die erste Hälfte kann man sich durchaus nicht beschweren. Wir hatten herrliche Tage, wie geplant. Wie geplant etwas verbummelt, hauptsächlich am Pool und zwischendurch war auch mal ein Aperol im Spiel. Und dann eben auch die absoluten Highlights, die wir immer eingebaut bekommen, wie z.B. der unfassbar schöne Ausflug nach Anghiari.

Die Stadt oben auf dem Berg an der Grenze zu Umbrien ist an sich vermutlich schon ein Geheimtipp. Oder kennt jemand von euch Anghiari, diese mittelalterliche Feste von der eine kerzengerade Straße hinunter in die Ebene führt? Eine solche Straße habe ich noch nie gesehen, ausgeschlossen, dass man sie mit dem Fahrrad bergauf schafft und wer mit dem Rad bergab will betet besser, dass die Bremsen nicht versagen, so steil ist sie. Ja und eben: So gerade! Unsere Fahrt nach Anghiari verbinden wir immer mit einem Abstecher zu „Nicchi – Funghi di Bosco e Tartuffo“. Der Pilzhändler kurz vor Anghiari am Ende der Autobahn ist definitiv ein Geheimtipp!


Wir kaufen da Pilze und Trüffel, wie jedes Jahr für den „Trüffelbumms“ den ich gemeinsam mit Mario, dem Hausherrn auf Villole mache. Mario macht die Pasta selbst und ich kümmere mich um die Trüffelsauce, die kulinarisch betrachtet nicht eben „leichte Sommerküche“ ist. Rein kalorisch betrachtet ist da ordentlich „Bumms“ drin, wir lieben diese schöne Tradition auch bei Temperaturen, die jenseits von 35 Grad liegen. Diese Geschichte habe ich aber auf jeden Fall schon mal erzählt. 



Vom Pilzhändler fahren wir dann weiter hoch nach Anghiari, der stolzen Stadt auf dem Felsen. Wir parken oben, gleich unterhalb der imposanten Stadtmauer und direkt an der steilen Straße. Wir überqueren sie und biegen einige Meter weiter unten in eine kleine, ganz unscheinbare Gasse ein. So haben wir es jedenfalls dieses Jahr gemacht, denn wir hatten etwas Neues auf dem Reiseplan. 


In der unscheinbaren Gasse befindet sich ein zunächst recht unscheinbares Geschäft: Busatti steht auf einem ebenso unscheinbaren Schild über dem Schaufenster. Mit „unscheinbar“ hat das nicht mehr viel zu tun, wenn man durch die Tür tritt. Nach dem Besuch dieser einzigartigen toskanischen Manufaktur kehren wir im mittelalterlichen Zentrum von Anghiari bei Silvia und Gianni ein, wie jedes Jahr. Die beiden führen ein ganz besonderes Restaurant mit dem Namen „Da Alighiero“. Hier stellt sich immer die Frage, wer eigentlich zurückfährt, denn Gianni hat ganz herrliche Rotweine aus der Toskana im Keller. Und Silvia, eigentlich eine Deutsche, kocht zum Herzerbarmen sehr sehr italienisch. Wir können eigentlich nicht anders und bestellen immer das Gleiche, jedes Jahr, nämlich ihre selbstgemachten Orecchiette mit ebenso selbstgemachten Pistazien-Pesto. Auch darüber habe ich schon geschrieben. 


Worüber ich allerdings noch nicht geschrieben habe, ist die Sache mit dem Schweinsbraten. Also diese Sache ist tatsächlich etwas verrückt. Sagen wir es so: Unser Schweinsbraten-Abend gehört nicht so ganz zu den touristischen Attraktionen, die man in der Toskana für gewöhnlich genießen kann. Zwei Dinge muss man dazu wissen. Zum einen, dass wir für mindestens eine Woche unsere Patenkinder hierher einladen.


In diesem Jahr kamen gleich fünf am Samstag aus allen Ecken Europas zu uns.

Wir mussten dreimal runter ins Tal fahren, um sie in Montevarchi am Bahnhof abzuholen. Und dann am Samstagabend waren alle versammelt, die Zwillinge Justus und Ole aus Nordfrankreich, wo sie mit den Eltern im Urlaub waren, Vico mit seiner Freundin Karla aus Kiel und Philipp, der in Innsbruck studiert. Bis auf Vico und Karla, die sich beide für den Veganismus entschieden haben, ist die Truppe die perfekte Zielgruppe für den Schweinsbraten-Abend. 


Zum anderen muss man wissen, dass wir seit einigen Jahren mit den „Die Cousinen“ hier Urlaub machen, was ein ganz besonderes Vergnügen ist. 

Um das Rätsel aufzulösen... „Die Cousinen“ haben auch Namen, sie heißen Steffi und Andrea und kommen aus Traunstein, also tiefstem bayerischem Kernland. Was schon mal die Grundvoraussetzung für freudvolle Ferien auf Villole andeutet, nämlich ausgeprägte Lebensfreude mit ebenso ausgeprägtem kulinarischem Interesse. 


Andrea und Steffi heißen mit Nachnamen auch noch „Eder“, sicherlich nur ein Detail, aber andererseits: Bayerischer geht’s nicht. Und ich möchte ausdrücklich betonen, dass wir unseren Urlaub hier mit den beiden ungebremst bukolisch fortsetzen würden, gäbe es dieses eine, einzigartige Talent nicht, nämlich das Talent zur Verfertigung von Schweinsbraten.

 Dazu gibt es Knödel, die schmecken, als würde sich die Idee eines bayrischen Knödels schlechthin in ihnen verdichten und so ist es vermutlich auch und ebenso verhält es sich mit Sauce (Die Sauce!!!!), Krautsalat und Kruste (Die Kruste!!!!). 


Dazu gibt es dann italienisches Bier, dessen Namen wir nicht aussprechen können (Ichnusa??? Wie bitte spricht man das denn aus?) und bei 36 Grad am Abend ist ein kaltes Bier, egal wie es heißt, schon für sich ein Gottesbeweis. 

Nach einigen dieser Biere meinte Sali den Zusammenhang von zeitgenössischer Kunst und Schweinsbraten verstanden zu haben. Na klar, meinte er, es geht doch bei beidem darum, durch Veränderung des Kontextes, durch Störung der Seh- und Rezeptionsgewohnheiten zu einer neuen Form der Erkenntnis zu gelangen. Man müsste also, um den wahren und tatsächlichen Wert des Schweinsbratens wirklich zu verstehen, ihn aus seinem natürlichen Habitat, nämlich Bayern, herausführen, um ihn in einem neuen, hier toskanischen Umfeld erst so richtig zu verstehen. Ne, is klar, meinte Ole, der gerade darüber nachdachte, ob ein vierter Knödel noch reinpasst und Sali ergänzte, nachdem das Gelächter sich gelegt hatte: Also, wenn es eine kulinarische Olympiade gäbe, dann müsste Deutschland mit diesem Schweinsbraten an den Start gehen, soviel sei mal sicher.

Wenn man auf das Treppchen will. Hier in der Toskana, in der Mitte italienischer Lebensart, würde er erst verstehen, was für eine kulturelle Errungenschaft und Sensation ein Schweinsbarten sei. 

Wir haben dem nichts mehr hinzugefügt und einen einzigartigen, großen Abend verlebt.
 
Was ich hier allerdings hinzufügen müsste, wäre vermutlich ein Rezept für Schweinsbraten. Ich verzichte mal darauf, weil ich denke, für diesen einen Schweinsbraten braucht man vermutlich mehr als ein Rezept. Man braucht „bayrische DNA“ und einige Generationen an Erfahrung. Und nicht zuletzt braucht man, in diesem einen Fall, die Toskana. 

Ich wünsche Euch allen noch einen tollen Sommer!
Euer Björn



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