Glück liegt im Ritual

Glück liegt im Ritual

Jul 23, 2026Markus Schwitzke

Cari amici,

was jetzt kommt, kommt immer und unverbrüchlich an dieser Stelle des Jahres. Viele von Euch kann das nicht mehr überraschen, einige finden es womöglich etwas merkwürdig, andere freuen sich schon auf das Erwartbare und begrüßen mit uns das, was jetzt passiert und freuen sich womöglich ein bisschen für uns. Denn ja! Jaaaaaaaaaa .... ohhhhhhhhh ...... jetzt, ja jetzt kommt unser Urlaub!

Unerschütterlich steht es im Kalender, Jahr für Jahr ist er die eine, unumstößliche Sache die passiert, egal was passiert. Und jeder weiß, wohin es geht. In die Toskana.

Das, was manche von euch vielleicht etwas schräg finden, ist die Tatsache, dass wir seit 20 Jahren immer den gleichen Urlaub machen. Ehrlicherweise finden wir das auch etwas schräg, nur leider können wir nicht anders. Unser Urlaub ist einfach zu schön! Nicht nur, dass wir immer in die Toskana fahren, wir fahren auch immer an den gleichen Ort, immer zur selben Zeit und wir machen dort eigentlich auch immer das Gleiche, nämlich mehr oder weniger: Nix! Glück liegt im Ritual, davon sind wir fest überzeugt.

Und ein paar andere Gründe gibt es natürlich auch noch. Da sind einmal unsere Freunde Knut und Mario, die wunderbarsten Gastgeber der Welt, die diesen einen, unfassbaren Ort geschaffen haben, das Podere Villole. Sagen wir es einmal so: hier kann man nicht entführt werden. Villole liegt so verborgen und einsam, das findet einfach keiner. Es liegt in den Bergen am Rande des Chianti und es gehört zum Ritual für Neuankömmlinge, die den Weg noch nicht kennen, dass sie bei der Anfahrt erstmal verzweifeln.

Wer dort zum ersten Mal ankommt, den kleinen, versteckten Waldweg hinunter zum „Podere der Glückseligkeit“ gefunden, den holperigen Weg unbeschadet überstanden hat und den Humor nicht verloren hat, ist hier richtig. Von Villole aus fährt man nicht mal eben in die Pizzeria nebenan. Die gibt es hier gar nicht.

Hier kommt man an, um erstmal zu bleiben.




Und wenn man bleibt und verweilt und bereit ist, Zeit „nutzlos“ verstreichen zu lassen, dann entfaltet sich der ganze Zauber dieses magischen Ortes. Erstmals wurde das Haus vor knapp 1.000 Jahren erwähnt, man den atemberaubendsten Ausblick von hier, den man sich vorstellen kann. Deshalb ist „Gucken“ die wichtigste Disziplin, gucken, im Liegestuhl bleiben und versuchen, zu verstehen, was man genau sieht. Links schaut man nach Montegonzi, ein kleines, sehr romantisches Dorf rund um eine alte Burg auf der Spitze eines Berges, rechts nach Moncioni (auch ein kleines, steinernes Dorf, nur ohne Burg) und geradeaus blickt man in die unendliche Weite des Arno-Tals, begrenzt, weit am Horizont durch den majestätischen Pratomanio.

Nachts sieht man die vielen Lichter unten im Tal, über einem verlängern sie die Sterne und wenn man doch einmal im Juni da ist, dann kommen die Glühwürmchen – und du liegst, meistens leicht aber sehr angenehm vom Chianti benebelt, in einem Lichtermeer, dass das Land mit dem Himmel verbindet. Mittendrin, mitten im Glück. Wir wissen nicht, ob es auf der Welt nochmal einen solchen Ort gibt, wir wollen uns aber auch nicht auf die Suche machen. Vielleicht findet man keinen mehr. Das Risiko ist einfach zu groß, also nehmen wir den, den uns das Leben schon geschenkt hat. Tagsüber liegt man auch wieder da und schaut in die Täler, die Weinberge und Olivenhaine die zwischen dem auslaufenden Wald ins Tal mäandern und staunen immer noch.

Es hat einige Jahre gebaucht, um zu verstehen, was einen an diesem immer gleichen Anblick so fasziniert. Die Antwort ist: Eben das immer gleiche. Was man sieht, hat es so schon viele hundert Jahre gegeben, hier hat sich nichts verändert. Das römische Reich, das Mittelalter, Kriege, Pest und Cholera und amerikanische Touristen, alles ist über dieses Land gegangen und dennoch steht es da, unabänderlich, unberührt, in all seiner unfasslichen Schönheit. Klar, man sieht mal ein Auto durch die Landschaft fahren, Straßenschilder stehen da und hier und da weitere Zeichen moderner Zivilisation, aber im Großen und Ganzen fällt es leicht, sich das kurz mal wegzudenken. Das Ewige, das man sieht, ist nicht wegzuzivilisieren. Und das beruhigt, ehrlich gesagt, die Nerven. Wir kommen da einfach total runter.

Was im Übrigen auch an den Menschen liegt, mit denen wir da Urlaub machen und an den wenigen Gepflogenheiten und Aktivitäten, die wir dann doch unternehmen. In diesem Jahr haben wir wieder einen Schwung Patenkinder im Gepäck, Vico kommt mit seiner zauberhaften Freundin Karla, der große Justus ist dabei (wir haben ja auch noch einen „kleinen“ Justus), Fiffi kommt mit und natürlich Ole, den viele von euch von den Landpartien kennen. Das werden feine Tage mit den „Kindern“, mit denen wir meistens am Pool abhängen und eben gemeinsam nichts tun.

Und dann sind da noch unsere Freunde, die Schumis aus Hamburg, die eigentlich jedes Jahr da sind, unsere Freundin Angelika – „Die Umtriebige“ – die wir da oben auf dem Podere tatsächlich mal in den Ruhemodus bekommen und dann sind da noch „Die Cousinen“, die von Knut, dem Hausherren und mit denen ist es immer eine ganz besondere Freude. Die machen ein Tiramisu, das Beste außerhalb Italiens, ohne jeden Zweifel, und auch im Heimatland selbst gereicht es deutscher Adaptionsfähigkeit durchaus zur Ehre. Wenn wir Glück haben, dann bringen die beiden echten Schweinsbraten tief aus dem Bayrischen Kernland mit. Das hatten wir schon einmal und dieser eine Abend hat sich in die Geschichte des Podere eingeschrieben wie kaum ein anderer.

Mitten im Kernland von Dolce Vita, Pasta, Pesto und Chianti ausgerechnet Schweinsbaten mit selbstgemachten Knödeln, Kruste und Krautsalat!

Kaltes Peroni dazu, über uns die Sterne, am groß gedeckten Tisch die Freunde, die wir lieben, Menschen die lachen und Wein trinken und das Leben genießen, es war ein großer Abend, unser bayrischer Schweinsbraten-Abend mitten in der Toskana. Ich schreibe das so ausdrücklich hier, weil ich natürlich weiß, dass „Die Cousinen“ diesen Newsletter lesen, gerade die Koffer packen so wie wir und noch nachdenken, ob sie wieder einen echten bayrischen Schweinsbraten mitbringen.


Tja, und mit diesen Menschen lassen wir gemeinsam dort oben die Zeit verstreichen, bummeln so in den Tag, liegen am Pool, lesen, mittags eine kleine Nudel mit einem leichten Weißwein, Siesta und ab 17 Uhr dann der erste Gin und dann schauen wir mal, wer was kocht. Sonntags sind das Knut und Mario, jeden Sonntag, seit 20 Jahren, immer der große Tisch auf einer der großen Terrassen mit großer Aussicht. Lange Abende, Zikaden zirpen, wir reden und lachen und trinken Chianti. Nur die Slushi-Maschine, die ich gerade gekauft habe, ist neu. Das wird die große Sensation und Neuigkeit und ich bin schon sehr gespannt, was man damit alles machen kann. Sicher nicht nur Kaffee vereisen. Mir kommt da eher geeister Apérol in den Sinn. Oder Campari? Sali liebt Campari. Au ja....

Auf jeden Fall melden wir uns kurz aus dem Urlaub um Euch über dolce far niente auf dem Laufenden zu halten. Wobei wir ja auch Ausflüge machen, wohl dosiert natürlich. Und irgendwie auch immer die gleichen. Darüber berichten wir dann in unserer Urlaubspost.

Als wir letztes Jahr abfuhren, sagte Sali todernst: Also das war jetzt der schönste Urlaub von allen! Knut musste furchtbar lachen und rief uns hinterher: Das sagt ihr jedes Jahr!

Euch allen wünsche ich einen großen Sommer!

Euer Björn



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